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Route 66 und American Dream
 
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Luna
Gast





BeitragVerfasst am: 07. Okt 2015 16:59    Titel: Route 66 und American Dream Antworten mit Zitat

Meine Frage:
Hi

Ich weiß, dass die Route 66 eine Symbol für den Amerikanischen Traum ist, aber warum genau?

Meine Ideen:
Ich weiß auch, dass durch sie, viele Menschen nach Westen kamen und dort anfingen kleine Farmen und Städte zu bauen, aber wie passt das mit dem Amerikanischen Traum zusammen: Wenn du hart genug arbeitest kannst du alles erreichen.

Wäre toll wenn mir Jemand helfen könnte. :)

LG Luna
MI
Administrator


Anmeldungsdatum: 22.01.2005
Beiträge: 1140
Wohnort: München

BeitragVerfasst am: 08. Okt 2015 14:50    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist eine sehr gute Frage! Vorsicht, es wird lang. Um das ganze besser lesbar zu machen, habe ich Bulletpoints mit Zusammenfassungen eingefügt.

Zunächst: Der amerikanische Traum ist nicht, dass du alles erreichen kannst, wenn du nur hart genug arbeitest. Das ist eine hyperbolische Zuspitzung des Konzeptes in den letzten Jahrzehnten (besonders durch Hollywood befeuert).

Der Amerikanische Traum ist (in der Definition von 1931, Zitat James Adams via Wikipedia):
Zitat:
The American dream is that "life should be better and richer and fuller for everyone, with opportunity for each according to ability or achievement" regardless of social class or circumstances of birth.


Das bedeutet, der amerikanische Traum besagt, dass jeder, wenn er nur hart genug arbeitet, sozialen Aufstieg schaffen kann (und damit auch reich werden kann). Er besagt, dass jeder, sei er selbst mit geringen Fähigkeiten und wenig Intelligenz ausgestattet, in gewisser Weise reich (oder zumindest reicher) werden kann, aber nicht, dass er alles erreichen kann - das ist etwas anderes!

Jetzt zum Westen der USA:
Der Westen der USA im 19. Jahrhundert bot guten Nährboden: Es gab noch viel freies Land, das man sich einfach nehmen konnte. Als "Tellerwäscher" aus New York hatte man also die Möglichkeit, in den Westen zu gehen und dort eine Farm aufzubauen - das Land musste man sich einfach nehmen. Mit der eigenen Arbeit kann man daher eine Farm auf eigenem Land erreichen, die dazu ausreicht sich und seiner Familie ein angenehmes Leben zu geben. Alternativ konnte man auch in San Francisco auf Goldsuche gehen. Insofern verspricht der Westen den amerikanischen Traum in seiner "Urform" des 18. Jahrhunderts.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich das Bild langsam: Das Land ist immer noch groß und es gibt mehr Platz als in der Region um die Hauptstadt, aber inzwischen sind auch hier schon viele Menschen. Dennoch, die Mentalität scheint etwas offener zu sein, die Menschen können sich vielleicht etwas besser selbst verwirklichen (das aufstrebende Hollywood hat sicherlich auch seinen Anteil daran). Vermischt mit den realen Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts entsteht somit ein Mythos in den "alternden" Metropolen des Ostens: Wer es wirklich schaffen möchte, der sollte auch mal nach Westen gehen. [Siehe zum Beispiel "The Great Gatsby" von Fitzgerald oder noch besser "Manhattan Transfer" von Dos Passos und vermutlich auch dessen "U.S.A. trilogy", die ich aber nicht gelesen habe um einen Eindruck zu gewinnen, dass der amerikanische Traum im Osten vor dem Scheitern stand]

Die Route 66, die in den 20er Jahren entstand, ist eine der zentralen Zugangsmöglichkeiten zum Westen und damit Projektionsfläche dieses Mythos. Man kann zur Route 66 fahren, wenn man davon träumt, in den Westen zu fahren, sie ist damit das "realste" am Mythos des Westens. Sie steht damit für den Aufbruch in ein neues, besseres Leben und für den Weg dahin. Aber Vorsicht: Vermutlich war all das noch nicht ganz so stark in der Bevölkerung verankert, als die Route 66 gebaut wurde.

Mit der Realität hat aber all das gar nichts zu tun. Die größte Bewegung auf der Route 66 war vermutlich die Wanderbewegung der östlichen Farmer in den 30er Jahren während des "Dust Bowl", die weil ihre Felder durch Dürren nicht mehr genug zum Leben abwarfen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen zogen - es dort aber nicht fanden, weil die Weltwirtschaftskrise auch dort zugeschlagen hatten [John Steinbeck hat sich eingehend damit beschäftigt: Ich habe es noch nicht gelesen, aber "Grapes of Wrath" steht bei mir schon im Regal]. Damit bleibt aber vom Amerikanischen Traum einzig die Route 66 übrig: Die Hoffnung, mit dem Weg in den Westen ein besseres Leben beginnen zu können (die Realität des Lebens im Westen hat damit nicht mehr viel zu tun).

Was haben wir bisher gelernt:


    - Der Westen war ein Mythos und "in den Westen gehen" war fast Synonym für "sein Glück machen wollen" und damit einer der großen Mythen des amerikanischen Traums

    - Eine Straße dient immer als Symbol und als Versuchung. Sie hat auch vorwiegend positive Konnotation: Solange ich auf der Straße bin, hoffe ich, egal wie Umstände am Ende wirklich sind


Aber die Straße hat noch mehr zu bieten - und zwar aus heutiger Sicht. Während der Mythos der Selbstverwirklichung im Westen einige Dämpfer bekam durch die tatsächlichen Realitäten, machte sich der Mythos des Reisens selbstständig. Das Ziel ist entzaubert, also ist die Reise das Ziel. Das geschah in den 50er und 60er Jahren und machte die Route 66 - in dieser Zeit immer noch die Hauptachse zwischen West und Ost - unsterblich: Lies "On the Road" von Kerouac oder schau dir die Fernsehshow "Route 66" an (die ich nicht kenne).

Und Kerouac ist ein gutes Stichwort, denn hier sieht man meiner Meinung nach schon das nächste Kapitel im Mythos des amerikanischen Traums anklingen [die kapitalistische Version ist erst einmal gescheitert, siehe auch "Death of a Salesman" von Arthur Miller]: In den 60er Jahren erfährt der Mythos vom Westen, wo man sich selbst verwirklichen kann neuen Aufschwung (diesmal aber zusammen mit New York im Osten): Die Hippie-Bewegung! Der "neue amerikanische Traum" der Selbstverwirklichung hat wieder einen Westmythos bekommen und die Leute fahren zu Tausenden nach Woodstock in den Osten oder in die Kommunen des Westens. Und dazwischen: Die Route 66. Zudem ist eines der zentralen Elemente der Hippie-Bewegung die Wanderung [siehe hippie trails] - und welches Motiv eignet sich da besser als die Verbindung zwischen Ost und West?

Also, was haben wir noch gelernt:

    - Nach dem Scheitern des "kapitalistischen" American Dream in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bleibt vom Mythos des Westens als Möglichkeit des Geldmachens nichts mehr übrig, die Straße als Sehnsuchtsprojektion ist damit aber unangetastet.

    - In der Reise-, Selbstverwirklichungs- und Hippiebewegung der 50er und 60er Jahre (die meiner Einschätzung nach eine Art "Ersatztraum" liefern) spielt die Route 66 damit eine zentrale Rolle.


Und jetzt kommen wir zum letzten Kapitel: Die Route 66 gibt es nicht mehr, verkehrspolitisch wurde sie ersetzt (gut zu sehen in - ja, das darf hier wohl sein - Disneys "Cars"), aber jetzt kommt eine noch viel größere Kraft: Nostalgie. Die Hippiebewegung ist gescheitert, der amerikanische Traum eigentlich ebenso [in einer gewissen Weise, siehe Cormac McCarthys "The Road"] - er lebt vorwiegend in der reichen Oberschicht und in Hollywood weiter. Die Hippies haben Familien gegründet, aber die Sehnsucht nach besseren Zeiten und nach unendlichen Möglichkeiten ist nicht gescheitert: Und was für ein besseres Symbol gibt es, als eine Straße, auf der man in der Jugend diese Möglichkeiten "gelebt" hat, die irgendwie noch existiert, aber ausgedient hat und kaum befahrbar ist? Ein perfektes Symbol für die Althippies! Und so kommt es zum "Revival" in den späten 80er und frühen 90er Jahren.

Und auch Hollywood braucht solche Symbole (ich muss wieder "Cars" zitieren): Sehnsuchtsprojektionsflächen, die einem guten Teil der Bevölkerung bekannt sind, die aber versatil genug sind, um neue Interpretationen zu ermöglichen. Und so lohnt es sich (mit Hilfe der Eltern - deswegen ist es auch so interessant, dass z.B. Disney sich dieses Mythos annimmt) den Mythos in eine neue Generation zu überführen.

Daher würde ich behaupten (und das steht jetzt vermutlich auf etwas "shaky grounds", aber vielleicht erschließt sich meine Schlussfolgerung aus dem vorangegangenen - aber ich sollte daszusagen, dass ich selbst nur einmal in den USA war und nur an der Ostküste):
Wenn ich also auf die Route 66 gehe, dann symbolisiere ich: Ich glaube noch an die Sehnsuchtsfantasien, die davon im Gedächtnis geblieben sind! Ich glaube an Selbstverwirklichung! Ich glaube an unendliche Möglichkeiten! Und wahlweise auch: Ich glaube nicht an das Establishment, was diesen Traum hat verrotten lassen! Und damit kann es sowohl Gegenwarts-, Vergangenheits- als auch Zukunftsfantasien einfangen - je nach Interpretation - und ist zum zeitlosen Symbol geworden.

Damit behaupte ich zuletzt:
    - Die Route 66 symbolisiert heute die vergangenen Möglichkeiten. Sie widerauferstehenzulassen bedeutet, das auferstehen zu lassen, wofür der amerikanische Traum steht.

    - Die Route 66 ist damit ein inzwischen fast universell einsetzbares Symbol geworden - und insbesondere Hollywood braucht solche Symbole. Daher wird sie weiter verwendet.


Und das ist in meinen Augen der Zusammenhang zwischen Amerikanischem Traum und der Route 66.

Gruß
MI
Luna
Gast





BeitragVerfasst am: 08. Okt 2015 16:40    Titel: Antworten mit Zitat

Vielen, vielen Dank, dass du dir so eine Mühe gemacht hast. Du hast mir wirklich sehr geholfen und bestimmt auch noch ganz vielen Anderen. smile
Gott

ganz Liebe Grüße Luna
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